A Celebration of Peace

Liebigschulchor in England

geschrieben von Leonard Hoßner

Als wir am Morgen des 2. Februars am Intersport Parkplatz in Gießen eintrafen, die Gesichter müde von der kurzen Nacht, herrschte erwartungsvolle Stimmung. Trotz des Schlafmangels waren alle voller Vorfreude. Wir hatten uns monatelang auf diese ganz besondere Konzertreise vorbereitet: Freitagnachmittag für Freitagnachmittag, immer wieder sind wir die anspruchsvollen Passagen des Werks durchgegangen, das wir in England singen sollten. Viele Samstage haben wir in der Schule verbracht, um bestmöglich auf das Konzert vorbereitet zu sein. Und die drei großen Hauptproben fanden auf dem Knüll statt, der von der Liebigschule seit Jahren zu Probentagen besucht wird. Bei dem Werk, das wir zusammen mit dem englischen Jugendorchester Hampshires aufführen durften, handelt es sich um eine 40-minütige Messe von Ferdinand Hiller aus dem 19. Jahrhundert. Sie war bisher nie aufgeführt worden – uns blieb also die große Ehre, diese Messe uraufzuführen. Für einen Schulchor von etwa 100 Sängerinnen und Sängern (von denen nur kanpp die Hälfte mitkommen konnte) ist das zwar eine große Herausforderung, doch sind wir der Sache mit großer Freude entgegengetreten.
„Pässe zu mir, Pässe zu mir“, rief Herr Ilge über den sich langsam füllenden Parkplatz. Zusammen mit Peter Schmitt leitet Dr. Florian Ilge den großen Chor der Liebigschule. Zudem hat er das ganze Projekt erst möglich gemacht, denn er hat die Messe von Hiller, die handgeschrieben in der Bibliothek Frankfurt gelagert war, ediert und herausgegeben. Über Ferdinand Hiller hat er seine Doktorarbeit verfasst.
Als er in seiner Liste alle 51 Namen abgehakt hatte, rollte schon der Bus auf den Parkplatz. Koffer verladen, Platz sichern, anschnallen. Über Belgien sind wir nach Calais gefahren, wo uns nicht nur die Fähre, sondern auch eine gehörige Sicherheitskontrolle erwartet hat. Am frühen Abend sind wir schließlich auf die Fähre gefahren. Somit durften wir einen beeindruckenden Sonnenuntergang auf dem offenen Meer erleben. Der Männerchor der LIO sorgte mit „Poor Man Lazrus“ für gute Stimmung auf dem Schiff. Alle waren bestens gelaunt und wir traten die restlichen 200 Kilometer unserer Reise an. Angekommen in Winchester wurden wir dann auf unsere Gastfamilien verteilt: Manche allein oder zu zweit, eine Gruppe von 4 Personen kam zu einer Familie mit einer Farm. Beim Abendessen haben unsere Familien uns dann viel über Winchester und die Gegend erzählt. Da es am nächsten Morgen allerdings schon um 9 Uhr am Winchester Bahnhof mit Programm weitergehen sollte und viele eine längere Anreise dorthin hatten, war der Abend mit der Familie nicht lang, sondern endete schnell im Bett.
Der nächste Tag startete mit englischem Frühstück. Unsere Austauschpartner des englischen Orchesters mussten an diesem Freitag alle in ihre Schulen. Wir von der LIO hatten also eigenes Programm. Um 10 Uhr wurden wir in der Great Hall vom Vorsitzenden des Stadtrats Martin Todd begrüßt. Die Great Hall ist der letzte bis heute stehende Teil von Winchester Castle. Dabei handelt es sich um einen großen Saal, den König Heinrich III. um 1220 erbauen ließ. Sehr beeindruckt von dem gotischen Bauwerk ging es weiter mit einer Stadtführung in kleineren Gruppen. Drei ältere Frauen aus Winchester haben uns durch die kleine Einkaufsstraße zur Winchester Cathedral und zum Haus von Jane Austen geführt und uns dabei mit typischem British-English viele Informationen dazu gegeben.
Der Mittag galt der Freizeit. Viele hatten selber Essen von ihrer Familie mitgebracht, andere haben Fish and Chips oder andere englische Spezialitäten gegessen. Für viele folgte ein typischer Stadtbummel: Kaffee trinken, Tee für die Eltern kaufen und in Büchereien so viele Bücher kaufen, wie man irgendwie transportieren kann (die Bücher in   England waren besonders günstig).
Um 14 Uhr trafen wir uns in einer kleinen Kirche zur Chorprobe. Mit Herrn Schmitt und Herrn Ilge sind wir noch einmal die wichtigsten Stellen der Messe durchgegangen, bevor wir am Abend endlich das englische Orchester bei der gemeinsamen Probe kennenlernen sollten. Auch Carl Clausen – der Dirigent des englischen Orchesters, den wir bereits einige Wochen vorher bei den Knüll-Proben kennengelernt haben war kurz dabei, bevor wir gemeinsam zum Reisebus gelaufen sind.
Der Bus brachte uns zu einer anderen Kirche außerhalb von Winchester. Dort verbrachten wir den Abend mit dem Orchester. Das Orchester kam kurz nach uns an. Nachdem alle ihre Instrumente aufgebaut hatten und sich der Chor aufgestellt hatte, ging die Hauptprobe unter Leitung von Carl los. Weitere zwei anstrengende Stunden haben wir damit verbracht, die letzten Einzelheiten des Werks zu besprechen und das Orchester und den Chor aufeinander einzustimmen. Nach der Probe herrschte große Erleichterung. Die Eltern der englischen Musiker hatten für alle englisch gekocht, somit konnten wir gemeinsam essen und weitere englische Kontakte knüpfen.


Viele haben noch mit ihren Gastschülern gegessen. Noch während manche gegessen haben, ging es mit der „Abendunterhaltung“ – so hatten unsere Lehrer uns die Veranstaltung angekündigt – los. Eine Art Coach mit einem Headset begann zu Musik eines kleinen Ensembles bestehend aus drei Musikern im Takt durch die Kirche zu rennen. Immer mehr von den Engländern, aber nach und nach auch von uns schlossen sich ihm an. Wir endeten in einem großen Kreis in mitten des Saals. Dann begann die eigentliche Show. Für über eine Stunde lehrte uns der Coach, wie man einen richtigen englischen Barndance tanzt. Erst zu zweit, später zu viert und zu acht tanzten wir immer neue Figuren. Somit hatten wir viel Kontakt zu den englischen Jugendlichen. Bis auf einigen weniger tänzerisch Interessierte hat das Tanzen den meisten auch großen Spaß gemacht. Gegen halb zehn wurden wir von unseren Gastfamilien abgeholt und nach Hause gefahren. Viele haben sich dann noch länger in den Familien über den Tag und die Eindrücke, die Gießens englische Partnerstadt hinterlassen hat, unterhalten, bevor wir den wohlverdienten Schlaf angetreten haben. Glücklicherweise galt der nächste Morgen der freien Verfügung, somit konnte man den Tag bis zum Mittag mit seiner Gastfamilie verbringen. Manche sind in die Stadt oder die Kathedrale gegangen, andere sind ans Meer gefahren oder haben die Kühe auf der Farm besucht. Doch die meisten haben sich wohl vom anstrengenden Vortag im Bett erholt.
Die Generalprobe mit dem Orchester war auf 14 Uhr in der Thornden Hall angesetzt. Viele sind direkt in Konzertkleidung gekommen, da keine Zeit bis zum Abend blieb, um noch einmal nach Hause zu fahren. Nach längerer Probezeit mit einer kurzen Kaffeepause zwischendurch warteten wir gespannt die letzte Stunde bis zur Uraufführung ab. Insbesondere in den Reihen des Chors stieg die Aufregung. Der Männerchor gab bereits vor Ankunft der ersten Zuhörer für das englische Orchester und die Mitglieder des Großen Chors ein kurzes Konzert im Foyer. Gesungen wurde der vierstimmige Satz „Das Morgenrot“ von Robert Pracht und „Feuerzeug“, ein Klassiker des Chors.
Dann war es so weit: Die ersten Zuschauer kamen ins Foyer und die Engländer und wir machten uns in den Umkleiden bereit, ihnen und uns selbst einen unvergesslichen Abend zu bereiten. Um 19:30 Uhr betraten die jungen Musiker den Konzertsaal, von großem Applaus aus den Reihen der Zuschauer begrüßt. Mit der Trauermusik Queen Marys von Henry Purcell eröffneten zwei Trompeten und zwei Posaunen zusammen mit einer Pauke das Konzert. Selbst in dieser kleinen Besetzung erzeugten die fünf Musiker einen wundervollen Klang. Wir Chorsängerinnen und -sänger aus Deutschland waren noch einmal herzlich willkommen geheißen worden, ehe der Männerchor aufgetreten ist. Dieser führte zuerst Franz Schuberts „Grab und Mond“ unter der Leitung von Peter Schmitt auf. „Silberblauer Modenschein fällt herab“, heißt es in dem vierstimmigen Satz Schuberts, der, die Decke des Saals blau beleuchtet, vielen darunter durch seinen tollen Klang Gänsehaut bereitete. Danach bot der Chor, bestehend aus der auf 13 Sänger reduzierten Besetzung, unter Florian Ilge überaus motiviert „Poor Man Lazrus“. Der Männerchor sorgte für großen Beifall unter den Hörern.
Das Hampshire County Youth Orchestra spielte danach absolut perfekt die 5. Symphonie Mendelssohn Bartholdys. Die jungen Musiker harmonierten perfekt mit ihrem Dirigenten Carl Clausen. Nach einer kurzen Pause kamen wir schließlich zur Uraufführung der Messe. 40 Minuten lang gaben die Musiker der beiden Länder ihr Bestes und verzauberten im ersten Teil der Messe, dem Kyrie, Hörer im Saal. Mit steigender Spannung baut sich ein achtstimmiger Chor auf und singt mit gesamter Orchesterbegleitung „Kyrie eleison“ (dt. Herr erbarme dich). Weiter ging es mit einer völlig anderen Art von Musik, dem Gloria. „Gloria in excelsis deo“ (dt. Ehre sei Gott in der Höhe). Ein Wirbel der Pauke baut am Anfang des Satzes Spannung auf, bevor der vierstimmige Chor und das gesamte Orchester einsetzt. Dieser Teil ist deutlich länger und durch die vielen Variationen in Text und Musik anspruchsvoller zu singen. Zusätzlich gibt es einige Stellen, die von einzelnen Stimmen gesungen werden oder alle Stimmen unterschiedlich einsetzen und gegeneinander singen. Orchester und Chor haben trotz der Schwierigkeit auch das Gloria perfekt gemeistert. Auf das Ende des Glorias, ein großes „Amen“ vom gesamten Orchester und dem Chor, folgt das ebenso lange Credo, das Glaubensbekenntnis. Mit Leichtigkeit führte Carl Clausen auch hier das Orchester und den Chor durch den vergleichsweise ruhigen Satz. Der Satz erzählt von der Leidensgeschichte Jesu Christi. Dabei ist es besonders wichtig, dass der Chor besonders den Text betont. Das ist unsnach den vielen Stunden der Übung gut gelungen. Mit Jesus Auferstehung wandelt sich die Musik erneut völlig zu strahlenden Dur-Klängen. Auch dieser Satz schließt mit einem „Amen“. Das Sanctus, der vierte Satz der Messe, ist ebenfalls ruhig gehalten und überzeugte die Zuhörer im Saal durch seine Klangkraft. Die Männer- und Frauenstimmen singen erst getrennt „Hosanna“, bevor sie mit einem gemeinsamen „Hosanna in excelsis“ den Satz enden. Zuckersüß führten die Sänger innen und Sänger in den vorletzten Satz der Messe ein: Benedictus – von allen vier Stimmen nacheinander gesungen und später zusammen ohne Orchesterbegleitung. Dieser Satz hat viele Stellen, die ohne Begleitung gesungen werden, so endet er auch nur mit leiser Untermalung des Orchesters. Das Agnus Dei ist der letzte Teil. Mit völliger Gelassenheit dirigierte uns Carl Clausen auch durch den 3/4-Takt des sechsten Satzes der Messe. Musikalisch baut sich mit dem Satz Spannung auf, die durch die letzten Akkorde, deren Text auf Deutsch „Frieden“ heißt, genommen wird.
Frieden – seit Beginn der Beziehungen des englischen Orchesters und dem Liebigschulchor stehen die gemeinsamen Konzerte unter dem Motto „A celebration of Peace“. Wir jungen Musikerinnen und Musiker haben an diesem Abend gezeigt, auf welche wundervolle Weise Musik verbindet und internationale Beziehungen knüpft. Das Publikum hat uns und vor allem unsere Lehrer mit schier endlosem Applaus für die Wochen der Arbeit belohnt. Von „We are One“, ein wunderschönes Werk für Chor und Klavier und ein LIO-Klassiker, hat Florian Ilge für das Orchester einen Satz arrangiert. Dieser stellte die Zugabe dar, bei der sich alle ins Zeug legten und so einen runden Abschluss des Abends schufen.
Nach dem gelungenen Konzert waren wir sehr erleichtert haben noch ein bisschen Zeit mit unseren englischen Austauschschülern und deren Familien verbringen können, ehe wir am nächsten Morgen um 5:15 Uhr wieder die Heimfahrt antraten, gut gelaunt, mit Vorfreude auf den englischen Gegenbesuch eine Woche später, im Wissen, dass es nicht das letzte Treffen gewesen sein wird.

 

 

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